Mai 2015

 

Die deutsche Eiche im Yasukuni-Schrein

Donnerstag 07.05.2015 10:00 | Saal

Eintritt: frei

Veranstalter/-in: Werkstatt der Kulturen/ Neue Gesellschaft für Bildende Kunst e.V. & Korea-Verband e.V.

Kooperation

Im Rahmen von Verbotene Bilder. Kontrolle und Zensur in den Demokratien Ostasiens. Banned Images - Control and Censorship in East Asian Democracies vom 18. April bis 14. Juni veranstaltet die WERKSTATT DER KULTUREN in Kooperation mit dem Neue Gesellschaft für Bildende Kunst e.V. und dem Korea-Verband e.V. die Tagung Die deutsche Eiche im Yasukuni-Schrein.

Veranstaltungssprachen: Koreanisch-deutsch simultan | Japanisch-deutsch simultan
Hinweis: Für angemeldete Besucher_innen liegen Kopfhörer bereit.
Anmeldung: anti-yasukuni@ngbk.de


Programm

  • 10.00 h Begrüßung (Paul Räther, Werkstatt der Kulturen, YOO Jae-Hyun, Neue Gesellschaft für Bildende Kunst e.V. | YAJIMA Tsukasa, KOREA-VERBAND e.V.
  • 10:05 h Die Heldenseelen im Yasukuni-Schrein – von der Zwangsrekrutierung zur Zwangseinschreinung | Dokumentarfilm: „Annyong Sayonara“ von KATO Kumiko und KIM Tae-il
    (Südkorea/Japan 2005, 110 Min.) | Sprache: koreanisch/japanisch mit englischen Untertiteln
  • 12:00 h Gespräch mit Zeitzeugen aus Korea und Japan: SUGIWARA Ryûken und LEE Hee-Ja
    Moderation: YAJIMA Tsukasa (KOREA-VERBAND e.V.)
  • 14:00 h Der Yasukuni-Schrein in der Kunst
    mit HONG Sung-Dam (Künstler) | Moderation: YOO Jae-Hyun (nGbK)
  • 15:00 h Deutschland und der Yasukuni-Schrein
    ZUSHI Minoru (National Christian Council in Japan, NCCJ)
    Moderation: Hartmut ALBRUSCHAT (Deutsche Ostasien Mission, DOAM)
  • 15:30 h Yasukuni und die Politik der Schuld
    Prof. LEE Chae-Sun (Keon Guk University)
    Moderation: Hartmut ALBRUSCHAT (Deutsche Ostasien Mission, DOAM)
  • 17:30 h Was hat der Yasukuni mit Europa zu tun?
    Moderation: Sven HANSEN (taz)
    Einführung: Prof. SUH Sung (Ritsumeikan Universität Kyoto)
    Es diskutieren: Prof. KIDO Eiichi (Universität Osaka) | Sylvia KOTTING-UHL (Bündnis 90/Die Grünen, Vorstandvorsitzende der Deutsch-Japanischen Parlamentariergruppe) | Tobias PFLÜGER (DIE LINKE, Stellvertretender Parteivorsitzender)
  • 19:45 h Schlusswort | HAN Nataly Jung-Hwa, KOREA-VERBAND e.V., Vorstandsvorsitzende

 

Zur Anti-Yasukuni-Aktion in Deutschland 2015

Ein Jahr, bevor sich das Ende des Zweiten Weltkrieges und der Zusammenbruch des „Großjapanischen Kaiserreiches“ zum 70. Mal jähren, wächst die Spannung in Ostasien nie wie zuvor. Wachsende Einflußnahme der Politiker, die die Glorie des “Großjapanischen Kaiserreiches“ beschwören, und die Zunahme des Geschichtsrevisionismus rufen unter den ostasiatischen Völkern, die damals den Angriff und die Kolonialherrschaft Japans erlebten, Ablehnung hervor.

Die Abrechnung mit der Vergangenheit in Ostasien, die ohnehin wesentlich unzulänglicher als in Deutschland ist, ist noch schwieriger geworden. Nationalistische Parolen werden immer lauter. Unaufhörlich geht das Wettrüsten weiter. Wie in anderen Regionen der Welt bringt der Neoliberalismus durch Verwachsen von Staat und multinationalem Megakapital auch hier die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich, Verschärfung der Armut, Entfremdung von Menschen und die Aushöhlung der Demokratie mit sich. Militarisierung, Gewalt- und Kriegsverherrlichung und Chauvinismus werden geschürt. Die Tendenz von Medienmanipulation, Polizeistaat und Überwachungsgesellschaft ist auch immer mehr zu spüren.

Am 26. Dezember 2013 hat der japanische Premierminister Shinzô Abe den Yasukuni-Schrein besucht. Trotz aller Kritik nicht nur aus Nachbarländern sondern auch aus Europa und den USA zeigt er seine Beharrlichkeit an diesem geistigen Hort des japanischen Militarismus, indem er am 21. April 2014 eine Opfergabe für das Frühlingsfest des Schreins schenkte.

Eine Reihe dieser Handlungen hat nicht nur mit dem Geschichtsrevisionismus zu tun, der die kolonialistisch-imperialistische Vergangenheit des „Großjapanischen Kaiserreiches“ rechtfertigt. Für die Rechtsnationalisten, die den „Regimewechsel“ zu Tennô als Staatsoberhaupt, Einschränkung der Bürgerrechte und Schaffung der „Landesverteidigungstruppen (Kokubô-Gun)“ verwirklichen wollen, ist der Yasukuni-Schrein eine unverzichtbare Anlage, nicht nur um an die Glorie des „Großjapanischen Kaiserreiches“ zu erinnern, sondern auch um künftig, erstmal noch ohne Verfassungsänderung aber im Namen der „kollektiven Verteidigung“, produzierte Kriegsgefallene zu verehren.

Trotz des religiösen Aussehens ist der Yasukuni-Schrein eine Militäranlage, um Offiziere und Soldaten, die das Leben für den Tennô geopfert haben, samt zwangsmobilisierten und getöteten Koreanern und Taiwanesen als „Heldenseelen“ und „Kriegsgötter“ zu verehren, nicht um um Kriegstote zu trauern. Er ermöglichte es, den entschlossenen "Ehrentod" zu glorifizieren - ein wesentliches Element der psychologischen Kriegsführung. Während das Innenministerium vor 1945 für Schreine und Tempel zuständig war, waren für den Yasukuni das Heeres- und das Marineministerium zuständig. Die Betriebskosten des Yasukuni wurden vom Militärbudget ausgegeben. Das Kriegsmuseum „Yûshûkan“, das zum Yasukuni gehört, feiert den damaligen Angriffskrieg als „Verteidigungskrieg für das selbständige Dasein“ und „heiligen Krieg für die Befreiung Asiens“.


Angesichts Religionsunterdrückungen vor und während des Zweiten Weltkrieges sind nicht wenige Bürger innerhalb und außerhalb Japans gegen die Rehabilitierung des Staatsschintoismus, die der offizielle Yasukuni-Besuch eines Ministerpräsidenten symbolisiert. Es geht um die Glaubensfreiheit, die Trennung von Staat und Religion und den Frieden in Japan und Asien. Der Nationale Christenrat in Japan (NCCJ), bei dem seit 1967 der Ausschuß für die Problematik des Yasukuni-Schreins tätig ist, hat gleich nach dem Yasukuni-Besuch von Abe dem Ministerpräsidenten seinen Protest erklärt.


Die Geschichtsklitterung durch die Staatsgewalt wird von den Graswurzelchauvinisten und -militaristen, die die Bürgerrechte der in Japan lebenden ethnische Minderheiten ablehnen, fanatisch unterstützt. Sie haben am 20. April, dem 125. „Führergeburtstag“, neben der japanischen Nationalfahne große Hakenkreuzfahnen gehisst. Sie haben die Realisierung der „Großostasiatischen Wohlstandssphäre“, die in der Kriegszeit propagiert wurde, gefordert und das damals mit Japan paktiierte NS-Deutschland laut gelobt. Das ist eine Reaktion an der Basis darauf, dass der Vize-Premier Tarô Asô am 29. Juli 2013 forderte, in der Verfassungsfrage von den Nationalsozialisten zu lernen.


Das militaristische Japan war ein wichtiger Bündnispartner für NS-Deutschland. Hitler beneidete Japan um den Staatsschintoismus, durch den die Bevölkerung ihr Leben für den Tennô willig opferte. Die Vertreter des NS-Deutschlands besuchten den Yasukuni-Schrein. Auf dessen Gelände steht heute eine deutsche Eiche, die am 12. Januar 1970 zu Ehren der gefallenen japanischen Soldaten von Generalleutnant Johannes Steinhoff, dem Inspekteur der westdeutschen Luftwaffe gepflanzt wurde. Die Anfrage, die der Bundetagsabgeordnete Paul Schäfer (Die Linke) gestellt hatte, beantwortete die Staatsministerin im Auswärtigen Amt, Cornelia Pieper (FDP) nicht besonders seriös, nach dem Motto: „Vorbei ist vorbei.“


Aber der deutschen Öffentlichkeit dürfte es auf keinen Fall gleichgültig sein, dass der Nationalsozialismus beim ehemaligen Verbündeten, Japan, durch den Yasukuni-Schrein als Sprungbrett offensichtlich rehabilitiert ist. Am 14. August 2010 besuchten die Vertreter der europäischen Rechten wie Jean-Marie Le Pen vom französischen Front National, Franz Obermayr von der FPÖ, Adam Walker von der British National Party (GB), Krisztina Morvai von Jobbik (Ungarn) und Philip Claeys von Vlaams Belang (Belgien) diesen Schrein. Insofern kann man das Yasukuni-Problem nicht als eine ostasiatische Regionalfrage unterschätzen.


Wie sollte man die Kriegsopfer im Asien-Pazifischen Krieg 1931-1945 betrauern? Sollte das im Rahmen des Nationalstaates geschehen? Ob der Gegenstand der Trauer auf Soldaten und Zivilangestellte beim Militär eingeschränkt werden soll? Wie kann man überhaupt die Versöhnung in Ostasien und die Aussicht zur kooperativen Zukunft wie „Ostasiatische Gemeinschaft“ erreichen? Auch in dem Sinne, der weltweit wachsenden Militarisierung widerzustehen, ist es von großer Bedeutung, den immer wieder Ultranationalismus und Gewalt aufhetzenden Yasukuni-Schrein in Deutschland zu thematisieren. Es geht darum, die Wahrheit von Yasukuni aufzuklären und die Stimmen der Hinterbliebenen der Opfer hörbar zu machen.

Als „Anti-Yasukuni-Aktion in Deutschland“ werden am 9. und 10. Mai 2015, unmittelbar nach dem 70. Jahrestag des Kriegsendes in Europa, ein Symposium mit Gästen aus Japan, Südkorea und Taiwan, die mit dieser Problematik beschäftigt sind, Zeugenaussagen der Hinterbliebenen, Filmaufführungen, Ausstellungen, Performances und Kundgebungen geplant. Diese Aktion ist ein Teil der interationalen Friedensbewegung. Ihr Ergebnis wird an die „ostasiatische gemeinsame Anti-Yasukuni-Aktion“ im August 2015 in Japan angekoppelt.

 

Teilnehmende

 

                               

Lee Jae-Sun

Professor an der Konguk Universität in Korea. Er beschäftigt sich mit ‘‘Staatlicher Gewalt und Menschenrechte‘‘, ‘‘ Verbrechen des Staates‘‘. Aktuell forscht er zur Aufarbeitung der Geschichte Japans und der staatlichen Gewalt in Südkorea. Übersetzung von ‘‘Die Schuldfrage‘‘(Karl Jaspers).

  Lee Hee-Ja

Ihr Vater wurde während des zweiten Weltkriegs in die japanische Armee eingezogen. Erst 1992 hat sie erfahren, dass seine Namenstafel im Yasukuni Schrein aufgehängt ist (und seine Seele dort verehrt wird). 2001 hat sie mit anderen Familien von Angehörigen zusammen beim Landgericht Tokyo die Herausgabe ihrer Namenstafeln gefordert und gegen den Ministerpräsidenten Japans wegen dessen Besuchen im Yasukuni-Schrein geklagt. Sie ist Protagonistin im Dokumentarfilm „Annyong Sayonara“.
 

  Sugawara Ryuken

Er ist 1940 in der Präfektur Shimane in Japan geboren. Seit 1985 fordert der buddhistische Mönch die Streichung des Namens seines Vaters von der Liste der gefallenen Soldaten im Yasukuni-Schrein. 2006 hat er eine Klage gegen den Yasukuni-Schrein und den japanischen Staat angestrengt.

 

  Zushi Minoru

Er ist 1950 in Tokyo geboren und Mitglied im Yasukuni-Schrein Problem-Komitee beim National Christian Council in Japan. Er war Büroleiter in Tokyo bei der Massenklage gegen den Yasukuni Besuch des japanischen Ministerpräsidenten und ist Autor von unterschiedlichen Büchern zur Yasukuni-Problematik.
 

  Eiichi Kido

Japanischer Politikwissenschaftler, Professor am Kokusai kokyo seisaku kenkyuka (Osaka School of International Public Policy) der staatlichen Universität Osaka und Friedensaktivist. Er engagiert sich gegen die Remilitarisierung Japans. So wendet er sich gegen die Abschaffung des Artikels 9 der japanischen Verfassung, der einen Verzicht auf Krieg und militärische Gewalt beinhaltet. Im internationalen Rahmen wirbt er auf Vortragsreisen für den Erhalt des Friedensartikels und gegen die nukleare Aufrüstung Japans. Er merkt an, dass sich Japan ohne Artikel 9, an zahlreichen US-Kriegen beteiligt hätte, jedoch ist Japan schon heute eine der führenden Militärmächte, dass 2006 den 6. Platz nach Militärausgaben belegte.
 

  Suh Sung

While taking a course at Seoul National University in 1971, when president Park Chung Hee was in power in Korea, Suh went to Japan to see his family. Upon returning to Korea in March 1971, he was arrested and put in prison for 19 years. While in custody and under heavy interrogation and torture, Suh Sung lit himself on fire (self-immolation) but survived. He is currently Professor of International Studies at Ritsumeikan University in Japan. He had also published a book called Unbroken Spirit that is a brief in his life as a political prisoner.
 

  Hong Song-Dam

South Korean artist who works with woodcuts. He was born on the island of Hauido and raised in Gwangju, where he took part in the 1980 uprising against Chun Doo-hwan's military dictatorship. After the uprising he became politically active, and in July 1989 was arrested for allegedly breaking the National Security Act (he had sent slides of a mural he had created, along with around 200 other South Korean artists, to North Korea). Amnesty International adopted him as a prisoner of conscience and he was released from prison in the early 1990s. He is an acclaimed member of the Minjung art movement, and in 1996 was commissioned by the Government of South Korea to create a 42 metre mural for Chonnam National University. He married in 2005 and settled in Ansan.
 

  Tobias Pflüger

Er ist ein deutscher Friedensforscher und Politiker. 1996 initiierte er die Gründung der Informationsstelle Militarisierung e. V. (IMI). Dort war er Vorstandsmitglied, Referent im In- und Ausland und Redakteur der Online-Zeitschrift IMI-List. Außerdem gehört er der Redaktion der Zeitschrift Wissenschaft und Frieden an. Von 1997 bis 2003 war er Mitherausgeber und häufiger Autor der gewaltfrei-anarchistischen Monatszeitung Graswurzelrevolution. Seit Ende 2002 ist er aktives Mitglied im wissenschaftlichen Beirat von Attac.
 

  Sylvia Kotting-Uhl

Sie ist eine deutsche Politikerin und arbeitet zu den Themen Atomausstieg, Atommüll und Endlagersuche, Atomtransporte, AKW im In- und Ausland, Uran, Energieforschung sowie Strahlenschutz/Mobilfunk. Nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima reiste Sylvia Kotting-Uhl mehrfach nach Japan, um sich ein Bild von der Lage vor Ort zu machen und in einen Austausch zu treten mit Betroffenen, Vertreterinnen und Vertretern aus Politik, Wissenschaft, Medien und Zivilgesellschaft.